Tacheles kann Leben retten

23. Juli 2026

Tacheles

Vor ziemlich genau zwölf Jahren ertastete ich meinen Tumor unter der Dusche.

Meine Gynäkologin war im Urlaub, also ging ich zu einem mir bis dahin unbekannten Frauenarzt – in der festen Überzeugung, es sei eine Zyste. Er sagte damals: „Ich taste Sie jetzt so ab, als seien Sie zur normalen Vorsorge hier.“ Wenige Augenblicke später: „Nee, da ist nix.“

Das hätte der Moment sein können, in dem ich mich mit einem höflichen „Danke, dann bin ich wieder weg“ verabschiedet hätte. Von einem wildfremden, recht unfreundlichen Herrn abgetastet zu werden, verstärkte meinen Fluchtreflex zusätzlich.

Stattdessen sagte ich: „Sind Sie so lieb und tasten bitte noch einmal hier nach – rechte Brust, zwölf Uhr.“

Der Rest ist Geschichte.

Was mir erst jetzt, nach all diesen Jahren, so richtig bewusst geworden ist: Auch das war Tacheles. Für sich selbst einzustehen – auch einem Arzt gegenüber, gerade einem Arzt gegenüber – das ist eine der mutigsten Formen klarer Kommunikation, die es gibt.

In meinem Buch beschreibe ich Tacheles als dritte Instanz: nach der Schlagfertigkeit und der guten Kommunikation. Es ist der Moment, in dem wir aufhören, es anderen recht zu machen, und anfangen, das Richtige zu sagen. Klar. Direkt. Ohne Entschuldigung. Dafür mit einem starken „Was will ich“.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr möchte ich das Buch um ein weiteres Kapitel ergänzen. Denn Tacheles brauchen wir nicht nur im Beruf, nicht nur in schwierigen Gesprächen mit Vorgesetzten oder Kunden. Wir brauchen es überall. Und vielleicht am dringendsten dort, wo es um unsere Gesundheit geht.

In der Arzt-Patienten-Kommunikation herrscht bis heute eine seltsame Asymmetrie. Viele Menschen – Frauen besonders häufig – verlassen eine Praxis mit einem unguten Gefühl, aber ohne die Frage gestellt zu haben, die sie beschäftigt. Aus Respekt. Aus Scham. Aus dem Impuls heraus, nicht zu nerven, nicht zu viel zu wollen, nicht zu zweifeln.

Ich hätte an diesem Tag schweigen können. Ich hätte den Raum verlassen, erleichtert und gleichzeitig innerlich unsicher. Und die Geschichte wäre anders verlaufen.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Dieser Arzt machte anschließend noch einen Ultraschall – und verabschiedete mich mit den Worten: „Boah, in Ihrer Haut möchte ich jetzt nicht stecken.“ Ein Satz, der mich bis heute begleitet. Und der, auf seine ganz eigene Art, die Grundlage für viele meiner Bücher und Seminare gelegt hat.

Es ist und war schon immer „Time for Tacheles“: Sprecht. Fragt nach. Besteht darauf.

Tacheles kann Leben retten – im wahrsten Sinne des Wortes.

P.S. Ein kleines persönliches Danke an dieser Stelle: Auch „Time for Tacheles“ ist auf die SPIEGEL Bestsellerliste eingestiegen. Haben Sie großen Dank dafür!

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