Dankbares Tacheles

31. März 2026

Ich möchte Ihnen von folgender Situation erzählen:

Eine meiner engsten Freundinnen erlitt einen wirklich schlimmen Bandscheibenvorfall. Sie lag tagelang im Krankenhaus, bekam Spritzen und hatte heftige Schmerzen. Sie ist eine alleinerziehende, arbeitende Mutter, Mitte 40, ihr Leben lang sportlich und in einer leitenden Position.

Man empfahl ihr, einen Spezialisten aufzusuchen, damit sicher abgeklärt werden konnte, ob der Nerv vollständig von allein verheilt – oder ob gegebenenfalls operiert werden muss. Das Zeitfenster für diese Beurteilung ist nicht besonders groß.

Nach tagelangem Versuchen und Warten in der Arzt-Warteschlange hörte sie schließlich – Sie werden es erahnen:

„Wir haben einen Termin in fünf Monaten frei.“

„Und was hast du gesagt?“, fragte ich.

„Dass ich den nehme.“

„Aber das ist zu spät für dich!“

„Ja, ich weiß. Aber was soll ich denn machen?“

„Tacheles reden. Dass du so lange nicht warten kannst.“

Ich gab ihr ein paar konkrete Formulierungen mit.

Ein paar Tage später ruft sie mich an – und verkündet ganz glücklich, dass sie einen sofortigen Termin bekommen hat.

„Weißt du“, sagte sie, „ich denke dann immer: Ich muss doch froh sein, in einem solchen Gesundheitssystem zu leben. In anderen Ländern ist es ja noch schlimmer.“

Ich könnte mir vorstellen, solche oder ähnliche Gedanken kennen viele von Ihnen. Vielleicht haben wir uns selbst schon einmal damit beschwichtigt. Und das ist auch gut. Dankbarkeit ist bestimmt ein guter Ratgeber und eine wunderbare Basis. Da sind wir uns einig.

Wenn sie uns jedoch daran hindert, Tacheles zu reden, wird es knifflig.

Die Frage, die sich mir in diesem Moment stellte, lautet:

Hindert uns übertriebene Dankbarkeit daran, ab und an deutlich zu werden?

Oder nutzen wir sie vielleicht sogar als zweckentfremdetes Schutzschild?

Soll ich Ihnen etwas sagen?

Sie können dankbar sein und Tacheles reden.

Ich empfahl meiner Freundin, die Sprechstundenhilfe in einem netten Tonfall in die Verantwortung zu nehmen:
„Ich habe Verständnis dafür, dass Sie Ihre Termine so weit im Voraus planen. Meinen Bandscheibenvorfall konnte ich leider nicht planen. Der kam ad hoc. Und nach allem, was mir gesagt wurde, kann es sein, dass er nicht von allein verschwindet. Das Zeitfenster für diese Beurteilung ist klein – in vier Monaten ist es geschlossen. Seien Sie so lieb und nennen Sie mir Ihren Vor- und Nachnamen, damit ich weiß, wen ich verantwortlich machen kann, wenn es in vier Monaten zu spät ist. Oder wem ich danken darf, dass er mir einen Notfalltermin möglich gemacht hat – den eine gut organisierte Praxis wie Ihre doch bestimmt irgendwo unterbringen kann.“

Lassen wir uns von Dankbarkeit bitte nicht in Fesseln legen.

Dankbarkeit ist eine wunderbare Voraussetzung dafür, dass wir freundlich bleiben und auf unseren Tonfall achten. Aber sie darf niemals zur Ausrede werden, nicht für sich selbst – oder für andere – die Stimme zu erheben.

Dankbares Tacheles ist kein Widerspruch.

Es ist vermutlich eine der wirkungsvollsten Formen von Klarheit.

Weitere Beiträge

Meinung vs. Haltung

Meinung vs. Haltung

Sich eine Meinung zu bilden, ist keine große Kunst. Das geht schnell und kostet meist wenig Anstrengung, Hintergrundwissen oder Zeit. Sich jedoch eine differenzierte Meinung zu bilden – da wird es schon ein bisschen knackiger. Denn dafür brauchen wir genau das, was im...

Elemente

Elemente

Meine Jungs tun sich in der Schule ein bisschen schwer.Sie müssen viel lernen, wenig fliegt ihnen zu.Ich schreibe das deswegen so offen, weil es so okay ist.Weil ich seitenweise über unser Schulsystem schreiben könnte und es mir manchmal als Mama schwerfällt, zum...

Aposhow – oder die Frage, was braucht es für eine Weltneuheit?

Aposhow – oder die Frage, was braucht es für eine Weltneuheit?

„Nicole, wir planen eine richtige Entertainment-Show für Apothekenteams!“ „Aha, cool – erzähl mal!“ „Wir möchten Wissenstransfer und Unterhaltung kombinieren. Und wir brauchen dich als Moderatorin, aber ein bisschen auch als Trainerin. Es wird knackig, wir haben wenig...