Sich eine Meinung zu bilden, ist keine große Kunst. Das geht schnell und kostet meist wenig Anstrengung, Hintergrundwissen oder Zeit.
Sich jedoch eine differenzierte Meinung zu bilden – da wird es schon ein bisschen knackiger. Denn dafür brauchen wir genau das, was im Alltag oft zu kurz kommt: Informationen, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht sichtbar sind.
Dazu kommt noch etwas anderes: unsere eigene Wahrnehmung. Aus ihr heraus entstehen Erwartungen – und die hätten wir mit unserer Meinung, differenziert oder nicht, gerne erfüllt.
Für eine wirklich differenzierte Meinung braucht es deshalb vor allem eines: gute Kommunikation.
„Sei so gut und zeig mir mal deine Perspektive“ – könnte ein Satz sein. Aber nur dann, wenn wir auch bereit sind, diese Perspektive wirklich offen zu betrachten.
Auch die Kommunikation mit uns selbst ist dabei entscheidend. Der Satz „Welche Informationen brauche ich noch, um mir eine differenzierte Meinung zu bilden?“ steht im absoluten Kontrast zu: „Kenn ich schon. Weiß ich schon.“
Die ganz Mutigen wagen sich dann an den nächsten Schritt: eine Haltung.
Denn eine Haltung ist – zumindest aus meiner Sicht – zunächst unabhängig von der Meinung anderer. Meine Haltung entsteht aus meinem Selbstbild, meinen Werten, meinen Erfahrungen, meinem Wissen und meinen tiefen inneren Überzeugungen.
Aus einer Haltung entsteht mein „Was will ich?“ Für mein Leben. Für meine Rollen. Für das, was mir wichtig ist.
Und diese Rollen dürfen wiederum ihr eigenes „Was will ich?“ haben.
Ein Beispiel: Wenn Sie für sich entschieden haben, dass Ihnen Freundschaften wirklich wichtig sind – dass ohne die richtigen Menschen für Sie kein echtes Glück entsteht – dann müssen Sie nicht lange überlegen, ob Sie die Freundin anrufen.
Gedanken wie: „Immer bin ich diejenige, die anruft“ streifen Sie vielleicht kurz. Aber sie nisten sich nicht ein.
Sie nehmen den Hörer in die Hand.
Und in einer ruhigen Minute können Sie Ihrer Freundin immer noch sagen, dass Sie sich sehr freuen würden, wenn sie auch mal zum Telefon greift. Aber bitte „Zickismus“ befreit.
In Ihrer eigenen Haltung kann übrigens auch ein Satz stecken wie: „Ich muss gar nicht zu allem eine Meinung haben.“
Sie dürfen für sich herausfinden, dass Sie nicht alles kommentieren, bewerten oder „finden“ müssen. Manches darf auch einfach nur sein.
Wenn Sie sich davon ein Stück weit frei machen, ersparen Sie sich die eine oder andere Empörungsschleife.
Ihre Haltung verbietet Ihnen das quasi.
Zwei kleine Übungen für eine klare Haltung
1. Die „Was-will-ich“-Frage
Wenn Sie merken, dass Sie sich über etwas ärgern oder festfahren, stellen Sie sich eine einfache Frage:
Was will ich hier eigentlich wirklich?
Nicht: Wer hat recht? Nicht: Wer hat angefangen? Sondern: Was will ich?
Diese Frage bringt Sie erstaunlich schnell zurück zu Ihrer eigenen Haltung.
2. Die Meinungspause
Bevor Sie zu einem Thema sofort eine Meinung äußern – probieren Sie einmal Folgendes:
Fragen Sie sich:
Welche Information fehlt mir noch?
Welche Perspektive kenne ich noch nicht?
Muss ich dazu überhaupt eine Meinung haben?
Sie werden überrascht sein, wie viel ruhiger Diskussionen werden – und wie klar Ihre Haltung dabei bleibt.



