„Mama, guck mal, das ist doch voll ‚chatty‘!“
Mein Sohn zeigt mir ein Arbeitsblatt aus der Schule. Ausgehändigt durch einen Lehrer. Er besucht die 8. Klasse eines Gymnasiums.
Und er hat recht: Das Arbeitsblatt wurde ganz offensichtlich von ChatGPT erstellt – ohne auch nur den Versuch einer Nachbearbeitung.
„Na ja, Schatz. Es kann ja sein, dass er die Inhalte eingegeben hat und es sich nur hat formatieren lassen.“ „Glaub ich nicht!“
„Warum?“ „Weil er keinen blassen Schimmer hatte, was da draufsteht. Er konnte keine einzige Nachfrage beantworten.“
Wenn ich den Schilderungen meines Sohnes auch nur ein bisschen Glauben schenken darf, dann sieht es an seiner Schule gerade so aus: Die Lehrer lassen sich per KI alles vorbereiten – und die Schüler lassen sich von KI alles beantworten. Alle Beteiligten sitzen ihre Zeit ab. Vor den Ferien, wenn die Noten feststehen, gefühlt noch mehr.
Ich formuliere das bewusst provokativ, weil es seiner Schilderung entspricht – und weil ich gleichzeitig weiß, dass es hoffentlich nicht in jedem Fach so ist. Von Deutsch weiß ich es zufälligerweise, weil wir gerade gemeinsam „Tschick“ gelesen haben. (Ich hatte vergessen, was für ein wunderbares Buch das ist.)
Aber worauf ich eigentlich hinauswill:
Unsere Kinder werden sich im Laufe ihres Berufslebens noch unzählige Male neu erfinden müssen. Die Zeit, in der man einen Beruf erlernt und darin in Rente geht, ist – gottsei Dank – vorbei. Für dieses Neuerfinden brauchen sie vielleicht weniger „Kabale und Liebe“ und garantiert kein Absitzen von Unterrichtsstunden. Was sie wirklich brauchen, ist eine bestimmte innere Haltung – und vor allem Resilienz.
Wir sollten also eher versuchen, unseren Kindern ein Haltungsziel als ein Rechenziel mitzugeben.
Menschen, die nicht gelernt haben, mit Unsicherheit umzugehen, sich immer wieder neu auszurichten und vor allem neugierig zu bleiben, werden – mangels Selbstwirksamkeit – sehr unzufrieden sein. Und was gesellschaftlich passiert, wenn Menschen unzufrieden sind … naja …
Das ist keine Prognose, das ist Realität.
Und ich frage mich: Was muss eigentlich passieren, damit das in unseren Schulen ankommt? Oder ist das ein Thema, das ausschließlich zuhause stattfindet – womit wir ganz schnell wieder bei der Frage der Chancengleichheit wären.
Ich versuche für meinen Teil, meinen Kindern die Lust am Lernen nahezubringen. Am lebenslangen Lernen. Ich versuche, sie anhand ihrer Talente, Begabungen und Alltagsverantwortung in echte Selbstwirksamkeit hineinwachsen zu lassen.
Das erscheint mir deutlich sinnvoller, als KI-generierte Aufgaben mit KI zu erledigen – und dabei so zu tun, als hätte irgendjemand irgendetwas gelernt.



