Meine Jungs tun sich in der Schule ein bisschen schwer.
Sie müssen viel lernen, wenig fliegt ihnen zu.
Ich schreibe das deswegen so offen, weil es so okay ist.
Weil ich seitenweise über unser Schulsystem schreiben könnte und es mir manchmal als Mama schwerfällt, zum Lernen zu animieren, wenn ich tief in mir andere Überzeugungen habe. Aus meiner Sicht wäre es dringlich notwendig, dass wir junge Menschen fürs LERNEN begeistern, weil sie offensichtlich auf eine Welt hinzusteuern, in der sie sich häufig neu erfinden müssen. Eine gewisse Haltung dem Leben gegenüber würde ich für sinnvoller erachten als die Unterschiede der Versmaße oder Kunstunterricht, der benotet wird.
Aber: Sie müssen da, wie viele andere Kinder, durch.
Mitsamt den Eltern.
Oder – wie in meinem Fall – eben nur mit der Mama.
Einer berufstätigen Mama. Die werden von Schulen wenig mitgedacht.
Das ist okay und schwierig gleichermaßen.
Mein älterer Sohn, er wird jetzt in 2026 18 Jahre alt, fühlte sehr früh seine Leidenschaft fürs Handwerk. Es gab kein Fach, in dem er dies hätte ausleben können. Er quälte sich (ja, ich wähle dieses Wort bewusst) durch Latein und Englisch. „Arsch über Latte und dabei glücklich“ war meine Haltung als Begleiterin.
Die Ausbildungsstelle zum Zimmermann fand er problemlos. Wie sollte es auch anders sein? Brachte er als leidenschaftlicher, fleißiger Pfadfinder alles mit. Die Lehrkörper, ebenfalls gefangen in dem System, unterstützten uns, wo sie konnten. Er absolvierte mit seinem besten Zeugnis die mittlere Reife.
Jetzt ist er in seinem Element.
Und was passiert: Er fliegt. Nonstop. Nicht nur im Betrieb, sondern auch in seinen theoretischen Ausbildungsstätten. Hier will er plötzlich der Beste sein. In jedem Fach. Auch in Englisch.
Meinem jüngeren, 14-jährigen Sohn ergeht es ähnlich. Seine Leidenschaft ist das Malen. Das entsprechende Unterrichtsfach dient nicht zur Auslebung, dafür zur Bewertung. Flügel-Ausbildung: Fehlanzeige.
Die bekommt er daheim. Wie die Wurzeln.
Lasst uns, liebe Eltern, die ihr hoffentlich aus zwei Menschen besteht, unsere Kinder wahrhaftig betrachten. Abseits der Noten und des Systems. Bilden wir eine Umgebung, die es ermöglicht, Leidenschaften zu entwickeln – abseits unserer Prägung oder Vorstellungen. Ein Fisch klettert nicht auf Bäume und ein Affe überlebt nicht im Marianengraben.
Eine Erkenntnis, die ich nicht nur als Mutter, sondern auch im Job benötige. Insbesondere, wenn ich als Führungskraft gestalten will. Wenn ihr Menschen auf Positionen setzt, die ihrem Element entsprechen, entfacht das eine dauerhafte intrinsische Motivation.
Die Voraussetzung: Unvoreingenommenheit, Menschenliebe, Weitblick und die Möglichkeit zur Korrektur.
Denn wenn Menschen mit ihren Werten im Einklang arbeiten dürfen, entfacht das eine tiefe Zufriedenheit, die aus Selbstwirksamkeit entsteht. Mit einem nach oben hin offenem Wachstum. Was das für die betriebliche Produktivität bedeutet? Kann ich nur fühlen, nicht rechnen. Mathe gehört nicht zu meinem Element. 😉



